Information zu Seemannschaft

Seemannschaft

Der Begriff der Seemannschaft ist derart weit gefasst, dass eine klare Definition gar nicht so einfach ist. Insbesondere wenn es um die Definition der guten Seemannschaft geht, gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Der Begriff der Seemannschaft wird gerne

inflationär verwendet. Wenn einem die Argumente ausgehen, tritt häufig das Argument der Seemannschaft zu Tage.

 

In seinem Artikel Seemannschaft – ein gequälter Begriff vom 13. August 2012 beschreibt der Autor Stephan Boden ganz treffend:

Die Seemannschaft wird immer gern von Besserseglern eingesetzt. Seg-ler die wissen, wie es geht. Und es den anderen erklären müssen. Hava-riert irgendwo eine Yacht, wird das in den Internetforen sofort nach ein paar Beiträgen mit schlechter Seemannschaft kommentiert. Ohne zu wissen, wie die Situation an Bord war. Ich hatte schon den Hinweis auf  schlechte Seemannschaft  weil in einem Film die Fender an Deck lagen oder es unter Deck unaufgeräumt war. Hund und lose Leinen im Cockpit kann auch als  schlechte Seemannschaft  dargestellt werden. Streng genommen ist Ein-handsegeln immer schlechte Seemannschaft, weil es in Schlafphasen des Skippers keine Wache an Deck gibt.

 

Um dieses Kapitel nicht zu umfangreich werden zu lassen, beschränken wir uns auf die Seemannschaft in ihrer grundlegenden Definition als

alle Fähigkeiten und Kenntnisse, über die ein Schiffsführer zum sicheren Führen seines Schiffes und seiner Crew verfügen muss.

 

Hierbei orientieren wir uns an jenen Fähigkeiten und Kenntnissen, die im Teilbereich Seemannschaft zur Prüfung zum Sportbootführer-schein See (SBF See), Sportküstenschifferschein (SKS), Sportseeschifferschein (SSS) und Schweizerischen Hochseeausweis (früher: B-Schein) vorausgesetzt werden. Dieser Teilbereich umfasst sowohl theoretische als auch praktische Elemente.

 

Das Schiff und seine Ausrüstung

Ganz am Anfang steht die Wahl des richtigen Schiffes. Eines vorweg: das perfekte Schiff gibt es nicht, alle Fahrtenyachten stellen einen Kom-promiss dar – meist zwischen Kosten, Leistung und Komfort. Daher sollten bei der Wahl der Yacht die eigenen Ambitionen und das Budget im Detail betrachtet werden. Bei der Auswahl des für einen persönlich idealen Schiffes müssen zunächst die benötigte Größe, das geplante

Segelrevier bzw. Fahrtgebiet, die Erforderlichkeit von spezieller Ausrüstung und letztlich das zur Verfügung stehende Budget definiert werden. Eine 28 Fuß Einrumpfyacht ohne jede Sonderausstattung ist sicherlich nicht die beste Wahl für die anstehende Weltumsegelung. Der beabsichtigte Zweck muss individuell in jedem Einzelfall geprüft werden. Nur so findet sich der beste Kompromiss.

 

Für verschiedene Fahrtgebiete ist das Mitführen verschiedener Mindestausrüstung notwendig. Die Fahrtgebiete sind in 6 Kategorien (nach Hans Donat) eingeteilt:

 

Fahrtgebiet 0 Trans-Ocean Fahrten, bei denen die Yacht ganz auf sich allein gestellt für längere Zeiträume in der Lage sein muss, mit schweren Stürmen fertig zu werden und darauf vorbereitet sein muss, ernsten Notsituationen ausgesetzt zu sein, ohne Hilfe von außen erwarten zu können.

 

Fahrtgebiet 1 Langstreckenfahrt fern von Küsten, während derer die Yacht völlig auf sich allein gestellt für längere Zeiträume in der Lage sein muss, schweren Stürmen standzuhalten und darauf vorbereitet sein muss, ernsten Notsituationen ausgesetzt zu sein, ohne Hilfe von außen erwarten zu können.

 

Fahrtgebiet 2 Fahrten von längerer Dauer, nicht all zu weit von Küstenlinien entfernt oder in großen ungeschützten Buchten oder auf Seen, wo ein hohes Maß an Unabhängigkeit der Yachten verlangt wird, aber eine angemessene Wahrscheinlichkeit besteht, dass im Falle von ernsten Notsituationen Hilfe von außen herangerufen werden kann.

 

Fahrtgebiet 3 Fahrten über offenes Wasser, das relativ geschützt ist oder nahe der Küstenlinie verläuft, einschließlich Fahrten kleiner Yachten.

 

Fahrtgebiet 4 Kurze Fahrten in Landnähe in relativ warmen oder geschützten Gewässern, die normalerweise bei Tageslicht durchgeführt werden.

 

Fahrtgebiet 5 Binnenreviere.

Neben der ordnungsgemäßen Ausrüstung des eigenen Schiffes ist es für den Skipper unerlässlich, die Wartung, Handhabung und Instandset-zung der Yacht und ihrer Ausrüstung zu beherrschen. Daneben erfordert das effiziente Führen eines Schiffes, dass jedes Crewmitglied mit den Begriffen der verschiedenen Ausrüstungsgegenstände und Bestandteile des Schiffes vertraut ist, um mit knappen Anweisungen die richtigen Aktionen kommandieren und ausführen zu können und keine Missverständnisse aufkommen. Kenntnis der Bestandteile und der Ausrüstung ist nicht zuletzt deshalb wichtig, weil ein Schiff weite Strecken allein zurücklegt und bei technischen Defekten nicht ohne weiteres Hilfe herbeigerufen werden kann. So müssen auch Notfall-Reparaturen wie das Abdichten eines Lecks oder das Instandsetzen der Maschine von der Crew ausgeführt werden können. 

 

Zur Kenntnis des Schiffes gehören die Eigenschaften des Rumpfes. Diese werden durch seine Form, seine Dimensionen und seine Bauma-terialien bestimmt. Wichtig sind dabei besonders die Eigenschaften, die die Manövrierbarkeit beeinflussen: Länge und Breite des Schiffes bestimmen die möglichen Anlegestellen und seine maximale Geschwindigkeit, der Tiefgang ist für die sichere Navigation in Küstennähe bedeutsam. Ein Segelschiff hat einen Kiel oder ein Schwert, das die Kursstabilität beeinflusst und zudem der Krängung entgegenwirkt.

 

Bedeutsam ist sodann die Ruderanlage und die Decksausrüstung sowie bei Segelschiffen das Rigg. Im Steuerstand – bei Yachten auch Cock-pit oder Plicht genannt – findet sich Rad oder Pinne für die Steuerung des Schiffes. Der Staat, unter dessen Flagge ein Schiff fährt, bestimmt die Sicherheitsausrüstung, die ein Schiff einer bestimmten Größe mitführen und einsatzbereit halten muss. Der Schiffsführer ist dafür verantwortlich, dass Rettungsinseln, Lifebelts, Signalraketen, Feuerlöscher und Ähnliches einsatzbereit sind. Entsprechend den Regeln guter Seemannschaft muss der Schiffsführer darauf bestehen, dass bei gewissen Wetterbedingungen Rettungswesten oder Lifebelts auch getragen werden.

 

Lizenz des Skippers

Je nach Staat sind für verschiedene Fahrtgebiete unterschiedliche Lizenzen, auch Befähigungsnachweise genannt, erforderlich oder empfoh-len. Leider ist es in der Praxis so, dass mancher Inhaber eines Befähigungsnachweises alles andere als befähigt ist. Die verschiedenen Lizen-zen sind Mindestqualifikationen, die je nach Fahrtgebiet durch spezielle weiterführende Kurse ergänzt werden sollten.

 

Für das Chartern einer Segelyacht und das Befahren der Küstengewässer Mallorcas ist z.B. der Besitz des Sportbootführerschein See vorge-schrieben. Obwohl diese Lizenz ein reiner Motorbootschein ist, lassen sich damit theoretisch Segelyachten über 50 Fuß ohne jede Erfahrung des Skippers chartern. Der Staat setzt hier eine freiwillige Qualitätskontrolle durch den Skipper voraus und bietet Prüfungen zu verschie-denen weiterführenden Lizenzen an, wie z.B. der Sportküstenschifferschein (SKS, bis 12 Seemeilen von der Küste), der Sportseeschiffer-schein (SSS, bis 30 Seemeilen von der Küste) sowie der Sporthochseeschifferschein (SHS, weltweite Fahrt). Als relativ unerfahrener Charterskipper empfiehlt es sich dringend, vor einem Küstentörn zumindest die Ausbildung zum SKS sowie einen Funkerkurs (SRC) und Skipperkurs zu absolvieren.

 

Nicht zuletzt aus dem Grund, dass schnell der Versicherungsschutz in Gefahr ist, wenn sich im Falle eines Unfalls zeigt, dass der Skipper nicht ausreichend qualifiziert oder erfahren gewesen ist. Wir beraten Dich gerne zu diesem Thema und zeigen Dir, welche Möglichkeiten und welche Kurse individuell für Dich sinnvoll sind.

 

Manöverkunde

Zu guter Seemannschaft gehört es, das Schiff sicher und präzise manövrieren zu können. Zu den wichtigsten Manövern zählen das Ablegen, das Anlegen und das Ankern. Bei Segelschiffen müssen diese Manöver sicher unter Motor und unter Segeln durchgeführt werden können, dazu kommen die verschiedenen reinen Segelmanöver wie Reffen, Wenden und Halsen. Schließlich gehören zur Manöverkunde auch Rettungsmanöver, darunter besonders die verschiedenen Mann-über-Bord-Manöver (MOB), die sich ebenfalls wieder in verschiedene Kategorien einteilen lassen, je nach Größe des Schiffes, aktueller Antriebsart und Kurs zum Wind.

 

Selbstverständlich muss der Schiffsführer die Kollisionsverhütungsregeln kennen. Diese sind die zentralen Verkehrsregeln auf See und ent-halten beispielsweise auch die verschiedenen Seenot-Zeichen, die ein havariertes Schiff geben kann. Insbesondere während unserer Skipper-kurse zeigen wir Dir Tipps und Tricks, wie Du Deine Segelyacht, Deinen Katamaran oder Deine Motoryacht jeder Zeit sicher manövrierst und völlig stressfrei – auch bei Seitenwind – an- und ablegst.

 

Nautisches Wissen und Können

Zentrale Aufgabe des Schiffsführers ist die Navigation, das heißt das sichere Führen des Schiffes zum gewünschten Zielort. Durch Satelliten-navigation und elektronische Seekarten wurde diese Aufgabe zwar in den letzten Jahren deutlich vereinfacht, dennoch muss ein Schiffs- führer mit der herkömmlichen Papierkarte umgehen können und in der Lage sein, eine Ortsbestimmung ohne elektronische Hilfsmittel vorzunehmen.

 

Zur Erlangung von Ausweisen für Schiffsführer gehört die Navigation mit Papierkarte als wesentlicher Bestandteil zur Ausbildung, besonders für jene Ausweise, die für die Fahrt zur See berechtigen. Die astronomische Navigation mittels Sextant hat auch heute in Zeiten von GPS und GALILEO nicht an Bedeutung verloren, wird teilweise noch geprüft (Sporthochseeschifferschein SHS). Neben der Positionsbestimmung ist auch die Planung des Törns Aufgabe des Navigators, damit Untiefen oder andere Gefahren sicher gemieden werden.

 

Zum sicheren Festmachen von Booten und bei Segelschiffen auch zum Segeltrimm ist die Kenntnis einiger Knoten unerlässlich. Hilfreich kann es sein, auch das Spleißen von Leinen zu beherrschen. Zur Bedienung einer Seefunkanlage muss ein entsprechendes Funkbetriebs-zeugnis erworben werden, auf Binnengewässern das UBI, auf See das Short Range Certificate (SRC) und Long Range Certificate (LRC).

 

Medizin

Ein Schiff kann Tage oder gar Wochen allein auf See unterwegs sein. Falls ein Unglück passiert und sich jemand verletzt oder jemand an Bord krank wird, kann es sehr lange dauern, bis Hilfe eintrifft oder ein Hafen angelaufen werden kann. Es ist deshalb unerlässlich, dass sich jemand an Bord mit Erster Hilfe auskennt und geeignete Verbände und Medikamente an Bord mitgeführt werden.

 

In unseren Kursen Medizin an Bord lernst Du deutlich mehr, als in klassischen Nothelferkursen vermittelt wird. Unsere Kurse werden praxisnah von Ärzten durchgeführt, die selbst wissen, was es bedeutet, auf Langfahrt zu sein. Sie kennen die typischen Krankheitsbilder an

Bord eines Schiffes und geben Tipps zum Ausrüsten der Bordapotheke.

 

Wetterkunde

Das Wetter spielt bei der Seefahrt eine entscheidende Rolle. Stürme stellen auch für große Schiffe nach wie vor eine nicht zu unterschätzende Gefahr für Crew und Ladung dar. Andererseits ist für eine Reise mit einem Segelschiff Wind Voraussetzung. Deshalb obliegt es der Schiffs-führung, permanent Wettervorhersagen einzuholen sowie eigene Wetterbeobachtungen anzustellen, zu interpretieren und damit die Wetter-entwicklung einzuschätzen. So kann rechtzeitig einer Gefahr vorgebeugt werden, etwa indem ein Hafen angelaufen wird, eine Alternativroute gesucht oder das Schiff für Schwerwetter vorbereitet wird (Ladung besonders gut sichern, Segel reffen oder bergen etc.).

 

In unseren Meteoseminaren lernst Du in großem Umfang all das, was Du auf See zum Thema Wetter wissen musst. Bereits erfahrenen

Seglern empfehlen wir die Teilnahme an einem unserer Schwerwettertörns auf der Nordsee. 

 

Nautische Etikette

Auf See und in Häfen gibt es einige Verhaltensregeln, die von vielen Wassersportlern traditionell eingehalten werden. Zu diesen Gebräuchen gehört es etwa, die Nationalflagge des Schiffes tagsüber am Heck gehisst zu haben und die Flagge des Gastlandes, also des Landes, in dem man sich gerade aufhält, unter der Steuerbordsaling oder am Aufbau eines Motorschiffes zu zeigen. Fender während der Fahrt außenbords

hängen zu haben, gilt vor allem bei vielen Seglern als verpönt. Beim Einlaufen in Häfen sind Bein- und Oberbekleidung zu tragen. Auf die Nachtruhe ist auch in Häfen Rücksicht zu nehmen.

 

Weitere Kenntnisse

Neben den oben aufgeführten Kenntnissen und Fertigkeiten kommen einige weitere hinzu, die an Bord eines Schiffes benötigt werden. So muss der Skipper seine Crew führen und ihre Stärken und Schwächen kennen. Seine Persönlichkeit ist auf dem Schiff entscheidend für die

Stimmung und das Befinden der Besatzung. Zum Wohlbefinden der Crew trägt auch eine richtige und ausreichende Ernährung bei. Die Zeiten von Skorbut sind zwar vorbei, dennoch ist es auch heute noch keine einfache Aufgabe, eine Yacht füreine längere Seereise mit Proviant auszustatten. Während unserer zahlreichenMeilen- und Ausbildungstörns sowie Skipperkursen zeigen Dir unsere erfahrenen

Ausbildungsskipper, was einen guten Skipper ausmacht.

 

Regeln guter Seemannschaft

Regeln guter Seemannschaft ist ein juristischer Begriff und wird in Gerichtsverfahren verwendet zur Beurteilung einer verantwortungsvollen Handlungsweise unter Berücksichtigung üblicher Praxis zur Vermeidung von Schäden und Gefahren. Er bezieht sich meistens auf die Kollisionsverhütungsregeln (KVR). Dort ist die Rede von Vorsichtsmaßnahmen, welche allgemeine seemännische Praxis oder besondere Umstände des Falleserfordern. Gemeint sind damit Vorsichtsmaßnahmen, die über die gesetzlich vorgeschriebenen Regeln hinausgehen, wie beispielsweise das Tragen von Rettungsweste und Lifebelt bei schwerer See oder eine vorausschauende Törnplanung, die mögliche Wetter-änderungen mit einplant.

 

Obwohl diese Begriffe nur durch Fallbeispiele aus der Praxis definiert sind, haben sie bei Entscheidungen von Seeämtern fast Gesetzescha-rakter. Eine Rolle bei der Beurteilung von Regeln guter Seemannschaft spielen neben dem gesunden Menschenverstand vor allem Sicher-heitsempfehlungen wie die Broschüre Sicherheit im See- und Küstenbereich des Bundesamtes für Seeschiffahrt und Hydrographie (mitt-lerweile ersetzt durch die Broschüre Sicherheit auf dem Wasser - Leitfaden für Wassersportler herausgegeben vom Bundesministerium für

Verkehr, Bau und Stadtentwicklung).

 

Auch klassische Verhaltenskodizes in Notlagen, wie Frauen und Kinder zuerst! und Der Kapitän geht als Letzter von Bord, werden hierzu gezählt. Ein umfassendes Werk zum weiten Thema Seemannschaft findest Du in unserem Shop, das Buch mit dem tragenden Titel

Seemannschaft.


Die Zusammenfassung beruht auf unterschiedlicher Literatur und Schulungen. Wir haben sie für Dich als Information zusammengestellt, um Dir die Möglichkeit zu geben, einen Überblick über die Phenomene zu verschaffen. Selbstverständlich ist die Zusammenfassung nicht ab-schliessend, noch ist sie erschöpfend. Falls Du auf eine nicht korrekte Information beim Lesen stösst, wären wir Dir sehr dankbar, wenn Du uns darauf aufmerksam machen würdest, damit wir die Chance haben uns zu verbessern.